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Krise verdirbt Holländern den Appetit

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Krise: Niederländer knausern - Belgier schlemmen weiter

Von HELMUT HETZEL

Den Haag. Mittagszeit, Lunch-Time, wie man in Holland sagt, in einem Haager Nobelrestaurant. Ober Fred ist wie immer freundlich. Er kündigt das Drei-Gänge-Tagesmenü an. Es beginnt mit Fisch, geräucherte Makrele und/oder Aal, ein Häppchen Hering dazu. Als Hauptspeise kann der Fleischliebhaber das Filet vom Weiderind oder der Fischfreund eine gegrillte Scholle wählen. Das klassische Dessert Creme Brullé rundet das Menu ab. Preis 39 Euro pro Person, ohne Wein oder andere Getränke. A la carte kann der Gast natürlich auch speisen. Doch der fühlt sich hier, bevor er bestellen kann, erst einmal mutterseelenallein. Denn in diesem Restaurant, wo vor einem Jahr ohne Reservierung vorab sicher kein Tisch für ihn frei gewesen wäre, ist es nun gähnend leer. Nur noch ein einziger weiterer Tisch ist besetzt. Ober Fred der Ober ist ehrlich, als er daraufhin angesprochen wird: ,,Ja, wir spüren die Krise. Es ist schrecklich. Die Gäste bleiben weg,‘‘ antwortet er. Dieses Haager Restaurant ist aber glücklicherweise noch offen, weil es zum abendlichen Dinner nach wie vor recht gut besucht wird. Andere aber sind schon pleite. So wie beispielsweise das renommierte Restaurant Bali im Bad- und Kurort Scheveningen, wo es einst eine der besten indonesischen Reistafeln von Den Haag gab. Die beiden Szene-Restaurants Puck und Pip, vor einem Jahr noch die kulinarischen Treffpunkte beim verwöhnten Haager Gourmet-Publikum, mussten ebenfalls schließen, ebenso wie das Grand Café Greeve gleich um die Ecke vom Puck, das vor allem von der Haager Kunstschickeria gerne besucht wurde. Aber Den Haag ist kein Einzelfall. In Enschede schloss ,,Het Koetshuis Schuttersveld‘‘ die Türen für die Gäste. Pleite. ,,De Beukenhorst‘‘ in Winterwijk musste aufgeben. ,,Rozemarijn‘‘ in Maastricht ist zu. In der Vermeer-Stadt Delft musste L'Orange‘‘ das Besteck von den Tischen holen. Geschlossen. Keine Kundschaft mehr. ,,Mir steht das Wasser bis zum Hals,‘‘ sagt ein Patron eines Haager Restaurants, der nicht namentlich genannt werden will. ,,So etwas wie derzeit habe ich noch nie erlebt.‘‘ Es scheint, als habe die Wirtschaftskrise den Niederländern den Appetit verdorben. Sie schlägt sich auf den Magen. Statt sich ein gutes Essen zu leisten, stürmen sie jetzt lieber die Imbissbuden, wo die klassischen niederländischen Snacks wie ,,Bitterballen‘‘ (frittierte Fleischbällchen), Pommes mit Mayo oder die ,,Frikadell‘‘ - eine längliche Variante der Berliner Bouletten, die man in Bayern und in Österreich Fleischpflanzerln nennt, jetzt weggehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Die Niederländer sparen. Und wenn sie sparen, dann scheinen sie zuerst am Essen zu sparen.

Comme chez Soi in Brüssel

                            Eine der besten Gourmet-Adressen in Brüssel

Ganz anders ist die Lage dagegen in Belgien, insbesondere im reichen Flandern und in der EU-Metropole Brüssel. ,,Bei uns ist die Situation auch angespannt, aber sie ist nicht dramatisch, sicher nicht so dramatisch wie in den Niederlanden,‘‘ heißt es seitens des flämischen Gastronomieverbandes. ,,Von Restaurantschließungen oder drohenden Schließungen in Flandern ist uns nichts bekannt.‘‘ In Antwerpen, Gent oder Brügge sind die Restaurants täglich voll wie eh und je. Hier lassen sich die Flamen ihre Leibgerichte wie Muscheln mit Fritten und Bier schmecken als gäbe es keine Wirtschaftskrise. Ein Antwerpener Restaurateur bestätigt sogar: ,,Die teuren Menüs laufen derzeit noch besser als früher.‘‘ Belgier sind eben Genießer und Gourmets. Sie sparen beim Essen zuletzt und nicht zuerst wie ihre nördlichen Nachbarn, die Niederländer. Die Brüsseler Gastronomie braucht sich auch in der Krise keine Sorgen zu machen. Denn in Brüssel residieren die vielen Spesenritter der internationalen und die der europäischen Organisationen, die ihre Business-Lunches oder Diners nach wie vor einfach deklarieren können. In der Brüsseler Spitzengastronomie wie etwa im Sterne-Restaurant ,,Comme chez Soi‘‘ sind die Tische wie eh und je voll besetzt.
Es gibt eben große Kulturunterschiede zwischen Niederländern und Belgiern. Sicherlich in kulinarischer Hinsicht.

Aber auch in den Niederlanden gibt es Ausnahmen von der Regel. Die Restaurants ,,Wox‘‘ und ,,Waterproef‘‘ in Den Haag repräsentieren sie. Wox, wo Chefkoch Lucien Bastiaan noch immer jeden Abend die Sterne vom Himmel kocht, wenn er seine vorwiegend auf der japanischen Küche basierenden aber von ihm individuell veredelten Gerichte zubereitet und  wo seine charmante Gattin Bahija el Haidar die Gäste bedient und bewirtet, als wären sie wirklich Könige. Wox ist trotz Krise fast jeden Tag voll besetzt. Der Grund: Ein besseres Thunfisch-Sashimi als im Wox gibt es wahrscheinlich nirgendwo in den Niederlanden. Köstlich ist auch der Thai Salat mit Black Angus Lende, der hier serviert wird sowie die King Crab.

 

Thunfisch bei Wox

Sashimi von Lucien Bastiaan


Gleiches gilt für Restaurant  ,,Waterproef‘‘ im Scheveninger Hafen, wo die beiden Chefs Yves und Mark und ihre Küchencrew nicht über ausbleibende Kundschaft zu klagen haben. An einem ganz normalen Donnerstag Abend ist im ,,Waterproef‘‘ kein Tisch mehr frei. Die inzwischen weit über die Haager Stadtgrenzen hinaus bekannte Spezialität dieses Top-Restaurants im Scheveninger Hafen wirkt weiterhin wie ein Magnet auf die Gäste. Es sind Langustinen auf einem feinem Kartoffelpufferbett mit Advocado-Creme und Kaviar als Top. Krise oder nicht. Für diesen Gaumenschmaus reisen sogar Amsterdamer eigens nach Den Haag, nur um im Waterproef oder im Wox einmal wirklich vorzüglich essen zu können. Die Krise zeigt. Nur mit Qualität und einem exzellenten Service kann man überleben. Das gilt nicht nur für die Gastronomie, aber es gilt besonders für sie.

 

Restaurant Waterproef

 

                     Restaurant Waterproef in Den Haag/Scheveningen

 

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                                            Am Strand von Scheveningen        

Links:

www.wox.nl

www.restaurantwaterproef.nl

www.commechezsoi.be

www.hetzelmedia.com

 

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 01. Mai 2009 um 13:23 Uhr  
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