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Harry Mulisch ist tot

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Harry Mulisch

Harry Mulisch erlag einem Krebsleiden

Der niederländische Schriftsteller war ein literarisches Monument

Von HELMUT HETZEL

Den Haag. Der weltberühmte niederländische Schriftsteller Harry Mulisch ist tot. Der 83jährige starb am Samstagabend, den 30. Oktober 2010 um 20 Uhr im Kreise seiner Familie in seinem Haus in Amsterdam, so teilte sein Verlag ,,De Bezige Bij‘‘ am Sonntag, dem 31. Oktober mit. Mulisch erlag einem Krebsleiden, an dem er seit Monaten litt.


Weltberühmt wurde Harry Mullisch durch seinen Roman ,,De Aanslag,‘‘ der 1982 in den Niederlanden erschien und 1986 verfilmt wurde. Der Film wurde mit einem Oskar ausgezeichnet. 1986 erschien ,,De Aanslag‘‘ als ,,Das Attentat‘‘ beim Hanser Verlag in deutscher Sprache. Das Buch beginnt mit den Sätzen: ,,Weit, weit zurück, im Zweiten Weltkrieg, wohnte ein gewisser Anton Steenwijk mit seinen Eltern und seinem Bruder am Stadtrand von Haarlem. An einer schmalen Straße, die über eine Länge von hundert Metern am Wasser entlangführte und dann in einem sanften Bogen zu einer gewöhnlichen Landstraße wurde, standen nicht weit voneinander entfernt vier Häuser. (...)Ihre braven bürgerlichen Namen stammten aus sorgloseren Tagen: Schöne Aussicht, Freiruh, Niegedacht Ruheort.‘‘

Zentrales Thea des ,,Attentats‘‘ ist der Widerstand der Niederländer gegen die Besatzung durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg (1940-1945). Von diesem Buch wurden weltweit mehr als eine Million Exemplare verkauft. Es wurde in 30 Sprachen übersetzt und ist Pflichtlektüre an allen niederländischen Schulen. Sein weiteres Meisterwerk trägt den Titel: ,,Die Entdeckung des Himmels.‘‘ Es ist ebenfalls zu einem Klassiker der niederländischen und der Welt-Literatur geworden. Nach der Publikation dieses Meisterwerkes, das ebenfalls ein Bestseller wurde, nannten Literaturkritiker Harry Mulisch in einem Atemzug mit Thomas Mann und Robert Musil.

Die großen Drei

Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem geboren. Zusammen mit Gerard Reve und Willem Frederik Hermans formte er ein Schriftsteller-Trio, das in den Niederlanden als ,,De Grote Drie‘‘ die drei Großen, bezeichnet wurde. Harry Mulisch war der Sohn des Österreichers Kurt Victor Karl Mulisch und der flämisch-deutschen aus Antwerpen stammenden Jüdin Alice Schwarz.

 

Zweiter Weltkrieg


Durch seinen familiären Hintergrund hat sich Mulisch, dessen zweite Muttersprache Deutsch war, immer gegen die in den Niederlanden noch immer vorherrschende Stereotypisierung zwischen jenen, die im Zweiten Weltkrieg ,,auf der richtigen Seite‘‘ und jenen, die ,,auf der falschen Seite‘‘ gestanden haben, gewehrt. In holländisch heißt das ,,goed‘‘ und ,,fout‘‘ gewesen zu sein. Sein österreichischer Vater Kurt Victor Karl Mulisch, der von Mulisch´s Mutter Alice Schwarz getrennt lebte, kollaborierte während der Besatzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis, um zu verhindern, dass sein jüdischer Sohn Harry und seine Ex-Frau Alice, die Mutter von Harry,  ins KZ deportiert wurden. Das ist ihm gelungen. Harry Mulisch und Alice Schwarz haben den Holocaust überlebt. Andere Angehörige von Mulisch wurden deportiert. Sie starben im KZ Sobibor.

Harry Mulisch sagt dazu: ,,Ich habe den Zweiten Weltkrieg nicht nur mitgemacht. Ich bin der Zweite Weltkrieg.‘‘ Sein ganzes Leben und sein ganze Oevre waren vom Zweiten Weltkrieg bestimmt und geprägt. Ein zentraler Begriff in den Werken von Mulisch ist das das Wort ,,as‘‘ (Asche) für alles vergängliche. Aber AS, das waren auch die Anfangsbuchstaben des Namens seiner Mutter. Mulisch verfolgte 1961 in Israel den Eichmann-Prozess und schrieb darüber das Buch: ,,Strafsache 40/61.‘‘

Seinen niederländischen Landsleuten, die oft nur in den einfachen Kategorien von ,,goed‘‘ und ,,fout‘‘ über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust denken, schrieb er mit österreichischer Ironie ins Stammbuch: ,,Ich mag die meiner Landsleute am liebsten, die nach 1945 in den Widerstand gegangen sind.‘‘
In seiner Sturm und Drangzeit in den 60iger Jahren der Apo und der Provos in Amsterdam flog er als linker Aktivist nach Kuba, wo Mulisch auch Fidel Castro traf. Eine Zeitlang war Mulisch ein feuriger Castro-Anhänger und eiferte für die Revolution. Zusammen mit Hugo Claus verfasste er damals ein Libretto über Che Guevara sowie das Buch ,,Het woord bij de daad‘‘ (Lasst den Worten Taten folgen).

Reaktionen


,,Harry bewies in den zurückliegenden Wochen, als er schon sehr krank war, eine große Heroik. Wenn wir bei ihm waren, wurde nicht über seine Krankheit gesprochen. Er saß wie immer gut gekleidet in seinem Sessel. Er konnte sogar noch lachen. Er war ein einzigartiger Schriftsteller,‘‘ mit diesen Sätzen würdigte sein Freund und Kollege Cees Nooteboom in einer ersten Reaktion am Sonntag im niederländischen Fernsehen Harry Mulisch. Mulisch selbst definierte die Funktion eines Schriftstellers einmal so: ,,Auftrag des Schriftstellers ist es, das Rätsel zu vergrößern.‘‘


Harry Mulisch wurde mehrfach für den Literatur-Nobelpreis nominiert, hat ihn aber nie erhalten. Mit seinem Tod verlieren die Niederlande und verliert die niederländische Sprache einen ganz großen Autor.

31.10.2010

 

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag

 

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, 01. November 2010 um 16:18 Uhr  
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