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Niederlande-Deutschland: Eine Liebe

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Spielungen - eine deutsch-niederländische Ferienliebe

HM-HetzelMedia-Interview mit Jochen Bläsing (EmeritusB) über seinen Roman SPIELUNGEN

Mit Bläsing sprach in Den Haag Helmut Hetzel

F: Herr Professor Bläsing, Sie haben einen Roman über eine deutsch-niederländische Liebe geschrieben. Verraten Sie uns bitte etwas über den Inhalt.

A: Gern. Kern meines Romans ist in der Tat die Liebe zwischen einem neunzehnjährigen Abiturienten aus dem noch halb in Trümmern liegenden Berlin und Annemieke, der Tochter eines vermögenden niederländischen Intellektuellen. Die beiden jungen Leute haben sich zufällig in Paris kennengelernt, und das Besondere daran ist, daß ihre Beziehung, im Grunde eine typische Ferienliebe, eben nicht, wie so häufig, nach dem Urlaub an den widrigen Umständen des Alltags scheitert, die in ihrem Fall zudem besonders schwer wiegen mögen.

F: Als da waren?
A: Nun, unter anderem die viele hunderte Kilometer große Distanz zwischen Berlin und Haarlem, während des Kalten Krieges eine Bahnreise von nicht weniger als zwölf Stunden, dann die andere Sprache und Kultur sowie das ganz unterschiedliche soziale Gefüge ihrer Familien. Vergessen darf man auch nicht die damals noch stärker als heute herrschende Animosität in den Niederlanden gegen alles aus dem Land der ehemaligen Besatzer.

F: Ihr Roman trägt starke autobiographische Züge. Ist es eine Art Familiensaga?
A: So könnte man es sehen, ja. Neben dem romantischen Kern enthält das Buch allerdings auch zahlreiche Highlights wie etwa das heldenhafte Auftreten zweier niederländischer SS-Leute im Berlin der Stunde Null oder die späteren freundschaftlichen Kontakte zu Prinz Claus. Alles ist eingebettet in die berlinerseits trotz aller Nachkriegswirren erstaunlicherweise recht normale, holländischerseits jedoch dramatische Familiengeschichte.

F. Das stimmt schon neugierig. Wann wird das Werk erscheinen?
A: Mitte Juni, das hängt entscheidend davon ab, wie schnell mein Verlag mit den Korrekturen der Druckproben fertig wird.

                                              Zweisprachiger Roman


F: Ihr Roman ist zweisprachig. Niederländisch und Deutsch. Warum das?
A: Zu etwa gleichen Teilen, ja, meine Frau hält das nach wie vor für ziemlich bescheuert, und vielleicht hat sie sogar recht. Und doch, ach, das hat sich einfach so ergeben, für mich sogar aus verschiedenen Gründen zwingend, die ich im Vorwort verantworte. Hier sei auf den natürlichen, ja, logischen Fluss der Erzählung hingewiesen, der meines Erachtens empfindlich gestört worden wäre, hätte sich die Ich-Person von Anfang bis Ende nur einer Sprache bedient. Zudem bedingt jede Übersetzung unbestreitbar einen Verlust an Authentizität und geht dabei sprachlich Einzigartiges verloren. Beides wollte und konnte ich vermeiden. So ist es eben in erster Linie ein Buch für zumindest einigermaßen zweisprachige Leser geworden. Kein Problem, so meine ich, denn davon gibt immer noch reichlich in den Niederlanden und in den angrenzenden deutschen Bundesländern.

F: Sie waren in den neunziger Jahren bis zu Ihrem Emeritat im Jahre 2001 Professor für niederländisch-deutsche Wirtschaftsbeziehungen an der Universität von Tilburg. Wie haben sich die deutsch-niederländischen Beziehungen in den zurückliegenden Jahren entwickelt und verändert. Sind sie noch ausbaufähig?
A: Ich meine, daß die heutigen Beziehungen ganz allgemein von immer mehr gegenseitigem Respekt für die spezifischen Leistungen des Partnerlandes, ja, zunehmend auch von freundschaftlichem Verständnis geprägt werden. Sicherlich gibt es bisweilen noch allerlei Aufgeregtheiten und Rückfälle in die verständlichen Verkrampfungen von gestern, aber generell überherrscht jetzt meiner Meinung nach auch auf der niederländischen Seite wohltuende Gelassenheit.
Zu den Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern ist zu sagen, dass sie seit langem ausgezeichnet sind, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht noch ausgezeichneter sein könnten. Beispielsweise wenn insbesondere niederländische Unternehmer sich etwas gezielter auf ihre ureigendsten Marktvorteile besinnen würden, d.h. neben der sprichwörtlichen Weltoffenheit ihrer traditionell guten Sprachkenntnisse. Auch dazu finden sich in dem Roman einige Passagen. Auf dem für Holland (über)lebenswichtigen deutschen Markt lassen sich einzigartige Produkte natürlich auch auf Englisch oder Armenisch verkaufen, wer aber u.a. Tomaten und Fahrräder anbieten und kein Deutsch sprechen will, verschenkt von vornherein riesige Marktanteile. Nach Schätzungen aus den 90er Jahren geht es dabei um Milliarden.

Typisch niederländisch - typisch deutsch
F: Was ist für Sie typisch niederländisch?
A: Um bewusst die bekannten Stereotypen auszulassen: Der Einfluss des beispiellosen Goldenen Zeitalters der Niederlande, das bis heute ihre Identität, Politik, Gesellschaft und Habitus mitprägt. Gerade das höchst selbstbewusste Auftreten des relativ winzigen Landes auf der Weltbühne ist ohne Kenntnis seiner grandiosen historischen Leistung im 17.jahrhundert nicht immer ohne weiteres einsichtig.

F: Was ist für Sie typisch deutsch?
A: Da stimme ich einer Bemerkung meines niederländischen Schachfreundes zu, der mir just dieser Tage neidlos eine typisch deutsche Eigenschaft attestierte, wie sie beispielsweise auch deutschen Fußballern bescheinigt wird, nämlich trotz eigentlich schon verlorener Stellung weiterzukämpfen und so nicht selten doch noch die Partie zu gewinnen.

F: Haben Sie noch einen deutschen Pass?
A: Ja, und zwar nur diesen. Vor einigen Jahrzehnten habe ich einmal eine doppelte Staatsangehörigkeit erwogen, um unserem in Tilburg geborenen Sohn die möglicherweise drohende Wehrpflicht in der Bundesrepublik zu ersparen. Den entsprechenden Antrag haben die Holländer allerdings schon im Vorfeld abgelehnt, und ein gänzlicher Wechsel kam für mich von vornherein nicht in Frage. Zum Glück erwiesen sich meine Befürchtungen später als unbegründet.

Über den Autor:

Jochen Bläsing (alias EmeritusB, Berlin 1940) verfasste eine Reihe von Monographien und Artikeln in Fachzeitschriften. Neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler war er immer als Jazzmusiker aktiv (Klavier/Klarinette in Berlin, Klavier/Keybord und Trompete  in Holland) sowie belletristisch tätig. Seinen ersten Roman Spiegel böser Seligkeit (unveröffentlicht) schrieb er parallel zu seiner 1973 in Leiden herausgegebenen Dissertation. Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Haarlem und Berlin.


Jochen Bläsing: Spielungen, Verlag: Free Musketeers, Zoetermeer 2011, 494 Seiten, 29,95 Euro, ISBN: 978-90-484-1855-8. Erscheinungstermin: 15. Juni 2011

 14.6.2011

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 14. Juni 2011 um 15:16 Uhr  
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