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Zypern: Rückkehr der Ikonen

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Ikonen


Die ,,Glückliche Monada‘‘

Bizarrer Kunstraub schreibt Rechtsgeschichte:

Zyperns gestohlene Kunstschätze kehren heim/Niederländische Zypriotin Tasoula Hadjitofi machte es möglich

Von HELMUT HETZEL

Der frühere zyprische Erzbischof Christomos I. nannte sie ,,meine Monada.‘‘ Nun ist sie eine ,,glückliche Monada‘‘ - eine spirituelle Einheit, die in sich selbst ruht und die für ihre Sache kämpft, mutig, unerschrocken, passioniert. Ihr Name: Tasoula Hadjitofi. Sie ist, frei nach der Monadologie des Denkers der Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz ( 1646-1716) so eine Art ,,immer währender lebendiger Spiegel des Universums.‘‘ Sie hält so manchem den Spiegel vor. Gestern wie heute. Mit großem Mut und großer Entschlossenheit. Sie drang als eine Art trojanisches Pferd auf eigene Faust in die oft dubiose Welt des illegalen Kunsthandels ein, mit dem Ziel, 1974 aus ihrer Heimat Zypern geraubte Kunstschätze von den kriminellen Kunsthändlern und -Hehlern zurück in ihre Heimat zu holen und deren Netzwerke aufzudecken. Nun ist die ,,Monada‘‘ Tasoula Hadjitofi am Ziel.

Das Urteil

Denn das Münchner Oberlandesgericht hat im März 2013 ein historisches Urteil gefällt. Es entschied nach einem langen juristischen Streit, der mehr als 10 Jahre dauerte, dass rund 400 aus Zypern gestohlene Kunstschätze an Zypern zurück gegeben werden müssen. Sie lagern seit 1997 als sie bei einer Polizeiaktion in München beschlagnahmt worden waren, in der Asservatenkammer des Münchner Gerichts.

Die zypriotische Kirche, die Eigentümer dieser Kunstschätze ist, prozessierte mehr als zehn Jahre lang vor deutschen Gerichten bis sie nun endlich Recht bekam. Sie prozessierte gegen den türkischen Kunsthändler Aydin Dikmen, bei dem die gestohlenen Kunstschätze gefunden wurden und der behauptet, sie gehörten ihm.

Mit dem Urteil erlebt die ohnehin bizarre Geschichte um den Kunstraub zypriotischer Ikonen und anderer Kunstwerke aus der frühchristlichen Epoche ihr nächstes und wohl eines der letzten spannenden Kapitel.

Der Beginn

Es begann alles 1974 als die Türkei den nördlichen Teil Zyperns besetzte. In den Kriegswirren wurden seinerzeit unzählige Kunstwerke aus den orthodoxen Kirchen und Klöstern Zyperns gestohlen. Ikonen, Fresken, Mosaike. Im Oktober 1997 dann beschlagnahmte die Münchner Polizei bei einer Durchsuchungsaktion im Hause des türkischen Kunsthändlers Aydin Dikman insgesamt rund 5000 Kunstschätze. Viele davon stammten aus Zypern. Sie waren dort 1974 gestohlen worden.

Es war ein historischer Moment für alle, die an dieser Undercover-Aktion der Münchner Polizei beteiligt waren: Interpol, die zypriotische Regierung und die zypriotische Kirche, aber nicht zuletzt auch für Frau Tasoula Hadjitofi, der früheren Honorar-Konsulin für Zypern in den Niederlanden, wo sie als Unternehmerin seit ihrer gezwungenen Flucht aus ihrer zyprischen Heimatstadt Famagusta lebt. Famagusta wurde 1974 von der Türkei besetzt. Tasoula Hadjitofi und ihre Familie wurden vertrieben. In ihrer neuen Heimat, den Niederlanden, kämpft die Zypriotin seither für die Rückgabe der aus ihrer Heimat gestohlenen Kunstschätze. Frau Hadjitofi ist eigentlich ,,die Spinne im Netz,‘‘ die den Kunstraub auf die Spur kam, die Hehler enttarnte und die der Münchner Polizei den entscheidenden Tipp gab, wo sie die gestohlenen zypriotischen Kunstschätze finden könne.

Dank ihrer Hilfe und dank ihres Engagements konnten die gestohlenen Kunstschätze gefunden und von der Münchner Polizei beschlagnahmt werden, wurde der Kunsthändler Aydin Dikman angeklagt und verurteilt. Bereits 1997 konnte Frau Hadjitofi 32 der in München beschlagnahmten Kunstschätze aus ihrer Heimat persönlich zurück nach Zypern bringen, kurz vor Weihnachten. Ihre Landsleute waren hocherfreut über dieses besondere ,,Weihnachtsgeschenk.‘‘ Für Tasoula Hadjitofi war das einer der schönsten Momente in ihrem Leben.

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Tasoula Hadjitofi und Helmut Hetzel in Tasoulas Büro in Den Haag

Hintergrund: Nach ihrer Vertreibung durch die Türken aus ihrer Heimatstadt Famagusta in 1974 als Folge der türkischen Invasion, erfährt Tasoula Hadjitofi in ihrer neuen Heimat, den Niederlanden, von dem umfangreichen Kunstraub in ihrer Heimat. Sie zögert nicht lange. Sie wird zu einer Aktivistin. Sie setzt sich zum Ziel, die geraubten Kunstschätze heim zu holen nach Zypern. Sie beginnt den organisierten illegalen internationalen Kunsthandel zu infiltrieren und zu bekämpfen.

Tasoula Hadjitofi baut ein Netzwerk auf. Es besteht aus der Orthodoxen Kirche Zyperns, einigen Kunsthändlern sowie Regierungsvertretern in Zypern und anderen europäischen Ländern. Ihr Ziel: Die Diebe und Hehler zu finden und an den Pranger zu stellen, die 1974 die Kunstschätze aus ihrer Heimat entwendet hatten.

Als ein Großteil dieser gestohlenen Kunstschätze mit ihrer Hilfe 1997 in München beschlagnahmt wird, muss sie jedoch mit Enttäuschung feststellen, dass sie nicht direkt an Zypern zurückgegeben werden können.

Juristisches Tauziehen

Nun beginnt ein kompliziertes juristisches Tauziehen. Es stellt sich nämlich heraus, dass der türkischstämmige Kunsthändler Dikmen bei dem die meisten gestohlenen zypriotischen Kunstschätze gefunden worden waren, nicht mehr verfolgt werden kann. Die ihm zur Last gelegten Delikte sind verjährt. Dikmen prozessiert ebenfalls und behauptet, der rechtmäßige Eigentümer der zypriotischen Kunstwerke zu sein. Eine Rückgabe der Kunstwerke an Zypern wird daher unmöglich. Vorerst.

In juristischer Hinsicht erschwerend wirkt ferner, dass die Bundesrepublik Deutschland einen internationalen Vertrag über die Rückgabe von gestohlenen Kunstschätzen aus anderen Ländern zu diesem Zeitpunkt noch nicht ratifiziert hat. Folge: Die Eigentümer der Kunstschätze haben nur die Möglichkeit, in Deutschland um die Herausgabe der Kunstwerke zu prozessieren. Sie müssen ferner dem deutschen Gericht beweisen, dass sie die rechtmäßigen Eigentümer sind.

Die Prozesse dauern neun Jahre. Im März 2013 fällt das Oberlandesgericht in München endlich das 152 Seiten umfassende historische Urteil. Es entscheidet, dass der Kunsthändler Dikmen nicht der rechtmäßige Eigentümer der zypriotischen Kunstschätze ist und dass sie an Zypern zurückgegeben werden müssen. Gegen den Richterspruch kann keine Revision eingelegt werden. Er ist rechtskräftig.
Aydin Dikmen droht nach dem Richterspruch ferner eine Geldstrafe in Höhe von 7,3 Mio. Euro für den Fall, dass er ihn nicht akzeptieren sollte.
Das Gericht entscheidet, dass 173 der 1997 durch die Münchner Polizei bei Dikmen beschlagnahmten Kunstwerke an Zypern zurückgegeben werden müssen. Ein zweites Urteil über 60 weitere zypriotische Kunstschätze steht noch aus.

Urteil schreibt Rechtsgeschichte

Das Urteil des Münchner Oberlandesgerichts schreibt aber auch Rechtsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland. Es stellt nämlich erstmals fest, dass geraubte Kunstschätze aus einem anderen Land, die in Deutschland beschlagnahmt werden, an dieses Land, dem sie gehören, zurückgegeben werden müssen - obwohl Deutschland entsprechende internationale Verträge noch nicht ratifiziert hat. Warum eigentlich nicht, fragt man sich in Zypern?

Erwartet wird nun, dass die 1974 aus Zypern gestohlenen Kunstschätze noch in diesem Jahr heimkehren werden. Tasoula Hadjitofi hofft, dass dieser Präzedenzfall, den das Münchner Urteil darstellt, nun auch international Schule macht. Es geht um nicht mehr als um die Frage, ob gestohlenes kulturelles Erbgut eines Staates an diesen Staat zurück gegeben werden muss, wenn es nach einem Diebstahl plötzlich anderswo wieder auftaucht. Darüber müssen internationale Absprachen gemacht und Verträge geschlossen werden.

Die bizarre Kunstraubgeschichte der Ikonen aus Zypern könnte so neues Völkerrecht schreiben.

Links:

www.thepostonline.de

www.thepostonline.nl

www.tasoulahadjitofi.com

 

 

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 03. April 2013 um 16:39 Uhr  
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