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Anschlag auf die Monarchie

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Tränen und Tote

 Anschlag in Apeldoorn

 

Die Niederlande haben sich grundlegend verändert - Das System Holland ist außer Balance

 

Von HELMUT HETZEL

Den Haag. Szene eins: 30. April 1988. Königinnentag in Amsterdam. Ihre Majestät, Königin Beatrix, schlendert durch die Grachten. Ein Mann springt aus der Menge. Er küsst die Königin zweimal auf die Wange. Links, rechts. Schmatz, schmatz. Ihre Majestät strahlt. Auch sie genießt die spontane Geste des Mannes, den sie nicht kennt, der aber offenbar ein großer Bewunderer von ihr ist. Ganz Holland genießt mit.

 

 

Koninginnedag

 

Königinnentag einst  

 

Szene zwei: 30. April 2009. Königinnentag in Apeldoorn. Ein schwarzer Suzuki rast durch die Absperrungen und voll in die Menschenmenge, die ihrer Königin zujubelt. Körper fliegen durch die Luft. Schreie, Sirenen, Panik. Blut tränkt den Asphalt. Königin Beatrix sitzt mit ihrer Familie in einem offenen Bus. Sie sieht alles. Sie sieht wie der Amokfahrer an dem Denkmal ,,De Naald,‘‘ das einst für ihre Großmutter Königin Wilhelmina errichtet wurde und jetzt Königin Beatrix das Leben rettet, mit seinem Auto regelrecht zerschellt. Um Haaresbreite verfehlt der Kamikaze-Attentäter den Bus, in dem die Königin mit ihrer Familie saß. Der Anschlag auf Ihre Majestät misslingt. Die Königin und ihre Familie überleben.
Aber sieben Menschen sterben, darunter der Attentäter.

Unterschiedlicher kann ein ,,Koninginnedag‘‘ nicht sein. Der Nationalfeiertag der Niederländer, jedes Jahr ein Fest der Freude, an dem getanzt, gelacht, gefeiert, getrunken, geschunkelt, gegrillt und natürlich auf unzähligen Märkten Handel betrieben wird, er endet anno 2009 in einem Blutbad.

 

 

 

Königinnentag jetzt

anschlag in apeldoorn

 

Anschlag in Apeldoorn

 

Nur 21 Jahre liegen zwischen Szene eins in Amsterdam und Szene zwei in Apeldoorn. 21 Jahre sind in historischer Perspektive ein sehr kurzer Zeitabstand. Aber in diesen 21 Jahren hat sich das Land des Humanisten Erasmus und des Philosophen Spinoza grundlegend verändert. Aus der einstigen Idylle Holland ist der Horror Holland geworden.

Der Anschlag auf die Monarchie und das Staatsoberhaupt ist der vorläufige ,,Höhepunkt,‘‘ besser: Tiefpunkt dieser Entwicklung. Davor mussten bereits Pim Fortuyn am 6. Mai 2002 und Theo van Gogh am 2. November 2004 ihr Leben lassen, weil sich beide die Freiheit nahmen, Dinge beim Namen zu nennen und zu kritisieren, die einst tabu waren.

Fortuyn trat dem Establishment, ,,den Haager Regenten‘‘ wie er sagte, in verbaler Form gegen das Schienbein. Theo van Gogh wagte es zusammen mit Ayaan Hirsi Ali, die Unterdrückung der Frauen im Islam in dem Film ,,Submission‘‘ knallhart anzuprangern. Es waren zwei Extremisten, der eine ein fanatischer Tierschützer, der andere ein Moslemfundamentalist, die diese Kritik nicht vertragen konnten. Sie griffen zur Waffe. Sie ermordeten Fortuyn und van Gogh.

Drei grausame Anschläge innerhalb von sieben Jahren in den Niederlanden. Drei Anschläge, die auf schreckliche Weise die Verrohung der einst so toleranten und friedlichen Gesellschaft der Niederlande offenlegen.

Was ist nur passiert mit dem einst so harmonischen Land am Nordseerand in dem der Ministerpräsident noch vor der Einführung des Euro einfach mit dem Fahrrad zum Parlament fahren konnte, während Politiker wie etwa Geert Wilders heute mindestens vier Bodyguards um sich herum haben müsse, damit sie sich überhaupt noch öffentlich bewegen können?

Antwort: Die Niederlande haben den rapiden gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte nicht bewältigt. Der Prozess der ,,Entsäulung‘‘ der Gesellschaft, die einst in Parallelgesellschaften aus Calvinisten, Katholiken, Sozialisten und Liberalen aufgeteilt war, hat das einstige feste Fundament der Toleranz zerstört. Leben und leben lassen, das Toleranz-Prinzip der ,,versäulten‘‘ niederländischen Gesellschaft wich dem Egoismus und der Gleichgültigkeit. Holland hat seine Identität verloren und sucht nach einer neuen.

Das System Holland ist aus der Balance. Nur die blonde Käsebotschafterin Frau Antje kann derzeit noch unbeschwert lächeln. Doch der Staat, insbesondere aber der Rechtstaat, hat in den zurückliegenden Jahren in den Niederlanden an Glaubwürdigkeit verloren.

In einem Land, wo die Cannabis-Mafia in Amsterdam am hellichten Tage Liquidationen ausführt, wo aber jemand, der morgens früh um vier Uhr mit 180 Stundenkilometern über eine fast leere Autobahn fährt und niemanden verletzt oder gefährdet, oft härter bestraft wird als ein Gewaltverbrecher, da darf man sich nicht wundern, dass die Gewaltverbrechen zunehmen.
3.5.2009

 

,,Es war ein Anschlag auf uns alle‘‘

reinildis van ditzhuyzen

Interview mit der niederländischen

Historikerin und Königshausexpertin

 

Reinildis van Ditzhuyzen

 

Von HELMUT HETZEL, Den Haag

F: Frau van Ditzhuyzen, wie haben Sie den Anschlag auf Königin Beatrix und die königliche Familie erlebt?

A: Ich war im Schloss ,,Het Loo‘‘ in das die königliche Familie nach ihrer Fahrt durch Apeldoorn kommen sollte. Von dort aus habe ich morgens bereits für den deutschen TV-Sender WDR und für das niederländische NOS-Fernsehen berichtet. Am frühen Morgen bevor die TV-Sendungen begannen, machte ich noch eine Radtour durch Apeldoorn. Es wär prächtig, alles war so toll geschmückt und herausgeputzt. Ich fuhr durch ein Farbenmeer von orange. Ich saß im Regiewagen, als die schrecklichen Bilder live übertragen wurden. Ich war geschockt. Erst dachte ich, der muss betrunken sein, oder er hatte einen Herzinfarkt am Steuer. Nun wissen wir aber, dass dem nicht so war. Es war ein zielgerichteter Anschlag.

F: Waren die Sicherheitsvorkehrungen ausreichend?

A: Gegen eine solche Wahnsinnstat kann es keine absolute Sicherheit geben. Es war so ähnlich wie bei den Anschlägen mit den Flugzeugen auf die Twin Towers in New York. Bevor sie geschahen, konnte sich auch kaum jemand vorstellen, dass solche Anschläge verübt werden könnten.

F: Werden die Niederländer auch in Zukunft ihren ,,Koninginnedag‘‘ gemeinsam mit der königlichen Familie feiern können, oder hat dieser Anschlag nun alles verändert?

A: Wir werden ihn wieder feiern. Wir und die königliche Familie können es uns gar nicht leisten, diese phantastische Tradition aufzugeben. Dieser ,,Koninginnedag‘‘ ist ein Symbol der Monarchie, ein Symbol für Stabilität, ein Symbol für die Kontinuität der Monarchie. Die Königin muss als Staatsoberhaupt für alle sichtbar sein und bleiben.

F: Hat der Anschlag auf die Monarchie diese geschwächt oder eher gestärkt?

A: Der Anschlag hat die Monarchie gestärkt. Die Sympathie für das Königshaus ist dadurch noch gestiegen. ,,Koninginnedag‘‘ ist so typisch niederländisch wie etwa das Schlittschuhlaufen oder das alljährliche St. Nikolaus-Fest. Am ,,Koninginnedag‘‘ feiern wir die Monarchie und uns selbst. Daher war dieser Anschlag auch an Anschlag auf uns alle, auf alle Niederländer. Aber wir beugen uns nicht der Gewalt.

F: Vielen Dank für das Gespräch.


Biografie Reinildis van Ditzhuyzen:

Seit 1980 hat Reinildis van Ditzhuyzen 15 Bücher, vor allem auf dem Gebiet der Kulturgeschichte, geschrieben. Sie ist bekannt als Sachverständige für Monarchie und Adel und für Universitätsgeschichte. Sie ist eine Expertin für Umgangsformen und Etikette. Dem niederländischen Königshaus sowie anderen Monarchien hat sie verschiedene Publikationen gewidmet.

Ihr Standardwerk über ,,Benehmen und Etikette‘‘ wurde seit 1999 bereits vierzehn mal aufgelegt. Auch ihr Etikettenkalender, mit Fragen und Antworten über das korrekte Benehmen im Alltag, ist sehr erfolgreich.

3.5.2009


/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /

 

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, 04. Mai 2009 um 09:17 Uhr  
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