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Holocaust-Tabu: Juden als Nazi-Kollaborateure in Holland

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Holocaust-Tabu

Titel von: Vogelfrei

Die jüdischen Kollaborateure der Nazis in Holland

 

Neues Buch enthüllt wie Juden mit Nazis in den Niederlanden zusammenarbeiteten


Von HELMUT HETZEL

 

Es durfte bisher nicht wahr sein, weil man es nicht wahr haben wollte: Juden, die selbst als Kollaborateure der Nazis auf ,,Judenjagd‘‘ gingen und ihre Landsleute an die Nazis verrieten und sie so in den Tod schickten. Für Geld, oder weil sie ihre eigene Haut retten wollten.

,,Mindestens 120 in den Niederlanden lebende Juden haben während des Krieges mit der deutschen Besatzungsmacht zusammen gearbeitet. Sie haben dabei geholfen, untergetauchte Juden zu finden und so zu deren Deportation in die Konzentrationslager beigetragen. Einige jüdische Kollaborateure haben einige Dutzend, manche sogar einige Hundert untergetauchte Juden verraten. Bis heute wurde die jüdische Kollaboration mit den Nazis als unbedeutend eingestuft. Man hat sie verharmlost,‘‘ das schreibt der niederländische Publizist Sytze van der Zee in seinem neuen Buch. Titel: ,,Vogelvrij. De jacht op de Joodse onderduiker.'' (Vogelfrei - Die Jagd auf die untergetauchten Juden). Das Buch erschient am 26. Januar 2010 in den Niederlanden. Es beleuchtet ein ganz dunkles Kapitel, das bisher ein Tabu war.

Daher dürfte das Buch heftige Debatten auslösen. Denn so wie der 70jährige Sytze van der Zee auf 540 Seiten eindrucksvoll dokumentiert, wurde dieses bizarre Phänomen der Kollaboration von Juden mit Nazis bisher weitgehend verharmlost oder gar verschwiegen.

 Der berühmte Historiker Lou de Jong, selbst aus einer jüdischen Familie stammend, der das Standardwerk über die Besatzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg durch Nazi-Deutschland (1940-1945) schrieb, widmet der jüdischen Kollaboration in seinem 25 Bänden nur wenige Zeilen. ,,Viele Historiker haben bisher selektiv gearbeitet, wohl auch Lou de Jong. Sie fanden es wohl peinlich, dass es auch in den eigenen Reihen so viele Verräter gab,‘‘ hält van der Zee in einem Kommentar in der Amsterdamer Zeitung ,,de Volkskrant‘‘ fest.

Sytze van der Zee, der ehemalige Chefredakteur der als Widerstandszeitung im Zweiten Weltkrieg gegründeten ,,Het Parool‘‘ betrieb für sein Buch aber nicht nur ein intensives Quellenstudium. Er suchte einen der noch lebenden jüdischen Kollaborateure in Deutschland auf - und interviewte ihn. Es ist Bernhard Joseph, den er in einem Krankenhaus in Landstuhl in der Nähe von Kaiserslautern aufspürte. Joseph ist nicht sehr gesprächig. Aber der erfahrene Journalist van der Zee weiß ihm in dem Interview doch zu entlocken, dass er Juden in den Niederlanden an die Nazis verraten hat. ,,Ja, ich habe es getan,‘‘ gesteht Bernhard Joseph, nachdem ihn van der Zee mit einem Berg von Detail-Informationen und Namen konfrontiert hatte, die seien Verrat belegen. Die Tochter von Bernhard Joseph, die nicht wusste, dass ihr jüdischer Vater für die Nazis in den Niederlanden arbeitete, ist schockiert. ,,Ich muss jetzt erst mal an die frische Luft. Das halte ich nicht länger aus,‘‘ sagt sie und verlässt das Krankenzimmer in dem ihr Vater gerade ein ,,Geständnis‘‘ abgelegt hat, das sie so schockierte. So beschreibt van der Zee die Szene und das Interview mit Bernhard Joseph heute 87 Jahr in seinem Buch hier auf dem Foto unten ganz rechts.

Jüdische Kollaborateure


Sytze van der Zee, der Zeit seines Lebens sehr darunter gelitten hat, dass sein Vater selbst Nazi war und als aktives Mitglied der Nationalsozialistischen Bewegung der Niederlande (NSB) auftrat, nennt in seinem Buch drei Gründe, warum sogar Juden mit den Nazis kollaborierten:

Erstens, sie wollten Geld verdienen, zweitens, sie wollten ihre eigene Haut retten und dachten, wenn sie andere Juden verrieten, könnten sie der eigenen Verfolgung entgehen. Und, drittens, das ist besonders überraschend: Sie waren ideologisch auf der Seite der Nationalsozialisten. Das zumindest habe Bernhard Joseph, den Sytze van der Zee in Deutschland interviewte, ihm gegenüber zugegeben. Bernhard Joseph gesteht auch, dass er als Informant der Nazis ,,Stimmungsberichte‘‘ für Klaus Barbie, der 1940 Chef der Gestapo in Amsterdam war, geschrieben hat. ,,Ich war damals 17 Jahre, ich war auch Mitglied in der Hitlerjugend. Was stand in den ,,Stimmungsberichten‘‘ des jüdischen Nazi-Kollaborateurs? ,,Ich habe zusammengetragen und aufgeschrieben, wie die niederländische Bevölkerung auf die deutsche Besatzung reagierte.‘‘ Für seine ,,Stimmungsberichte‘‘ habe er jedoch ,,keinen Pfennig‘‘ an Honorar erhalten. ,,Ich habe dafür nie Geld bekommen,‘‘ sagt Bernhard Joseph.

Bernhard Joseph gesteht auch, dass er ,,bis heute mit niemandem über seine beladene Vergangenheit geredet hat. Mit wem auch?‘‘ fragt er seinen Interviewer van der Zee. ,,Es ist keine schöne Geschichte, die ich zu erzählen habe.‘‘

Sytze van der Zee nennt Bernhard Joseph ,,einen der größten Verräter in der Geschichte der Niederlande.‘‘

In den Niederlanden wurden rund 104.000 von den rund 140.000 Juden während der Besatzung von Nazi-Deutschland zwischen 1940 und 1945 verhaftet, deportiert und die meisten von ihnen kamen in den Konzentrationslagern und den Gaskammern um.

In keinem anderen von den Nazis im Zweiten Weltkrieg besetzten Land in Europa haben während des Zweiten Weltkrieges so wenig Juden den Holocaust überlebt wie in den Niederlanden.

 Sytze van der Zee

Sytze van der Zee: ,,Vogelvrij - De jacht op de Joodse onderduiker‘‘ Amsterdam 2010, Uitgeverij (Verlag) De Bezige Bij, ISBN 978 90 234 54328,
24,90 Euro

25.01.2010

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 23. Februar 2010 um 21:12 Uhr  
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