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Occupy-Movement in Holland

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occupy-let-love-rule-15-10-2011
Occupy-Bewegung besetzt Haager Innenstadt

Von HELMUT HETZEL

Er steht da, hält ein Schild in die Höhe. Darauf stehen drei Sätze: ,,Ich bin Architekt, ich habe studiert. Ich bin arbeitslos.‘‘ Der Mann sagt kein Wort. Er steht nur da und hält das Schild mit den drei Sätzen in den strahlend blauen Himmel über Den Haag an diesem sonnigen Samstag im Oktober 2011. Es ist der Samstag, der 15. Oktober 2011 an dem in der ganzen Welt die ,,Empörten‘‘ die ,,Indignados‘‘ auf die Straße gehen. Durch die Occupy Wall Street-Bewegung schlug der Funke über. In den Niederlanden auch auf Den Haag und auf Amsterdam. In Amsterdam wurde der Beursplein, der Platz vor der Börse besetzt. In Den Haag der Plein, jener Platz vor dem Haager Parlament, wo das Denkmal des Staatsgründers Willem van Oranje steht, dem Vater des Vaterlands, wie ihn die Niederländer nennen. Das Denkmal von Willem von Oranje wird zum Symbol für die ,,Occupy-Bewegung‘‘ á la hollandaise umfunktioniert. Es wird besetzt.

Let Love rule

Der arbeitslose Architekt hält noch immer sein Schild hoch. Neben ihm tanzt eine etwa 30jährige Frau zu den Rhythmen von Trommlern. Sie ist schön, könnte ein Modell sein, eine ,,Beauty‘‘ wie man in Holland sagt. Dann enthüllt sie ihr Transparent. Darauf steht: Let Love Rule - Lasst die Liebe regieren.

Auf dem Sockel des Willem van Oranje-Denkmals stehen Elvan und Hande. Elvan ist 17, Hande ist 20 Jahre jung. Ihre Eltern oder Großeltern kamen wahrscheinlich aus Indien in die Niederlande. Auf die Frage, warum sie demonstrieren, antworten die beiden jungen Frauen: ,,Wir sind dieses Finanzsystem leid. Die Banken beuten uns doch nur aus. Wir haben Angst um unsere Zukunft.‘‘ Wie in New York, in Wien, in Berlin, Frankfurt, in Rom, Madrid und in zig anderen Städten in der Welt, artikulieren sie den Protest gegen die Abzocke, die schamlose Boni-Kultur der Banker und die wuchernde Schuldenkrise. Ein älterer Herr, der aussieht wie ein Schaffner, läuft mit einem offenen Koffer auf dem Plein herum: ,,Alle Boni bei mir abliefern, sofort,‘‘ ruft er immer wieder.

Auffallend ist die Zusammenstellung der Demonstranten in Den Haag. Es sind keine ,,linken Spinner‘‘ oder ,,rechte Rowdies.‘‘ Es ist die Mittelschicht, die hier demonstriert. Junge und alte Menschen, aber meist Leute aus ,,bürgerlichem Hause,‘‘ wie das so schön heißt.
Fragt man die Demonstranten in Den Haag, welche Partei sie bei den letzten Wahlen am 9. Juni 2010 gewählt haben, dann hört man häufig die Antwort: Die Christdemokraten (CDA) oder: Geert Wilders und seine Freiheitspartei (PVV). Manche wählten auch die Grünen (GL) oder die Sozialistische Partei (SP). Fast niemand sagt, dass er für die Sozialdemokraten (PvdA) stimmte.

,,Die neue Protestbewegung hat eine Gemeinsamkeit. Sie besteht darin, dass die Menschen sich von der Politik nicht mehr vertreten fühlen,‘‘ sagt der Soziologe Ringo Ossewaarde von der Universität Twente. ,,Vor allem der Protest gegen die Auswüchse des Neo-Liberalismus verbindet die Occupy-Bewegung. Und sogar Liberale protestieren inzwischen dagegen.‘‘

Die 99 %


Die Schriftstellerin Nelleke Noordervliet findet ein treffendes Bild, um die aktuelle Krise zu beschreiben und die Wut der ,,Empörten‘‘ zu erklären: ,,Die Lasten der Krise werden einfach nach unten weitergegeben, so wie das Wasser den tiefsten Punkt sucht, so müssen die mittleren und unteren Schichten in der Gesellschaft nun die Zeche bezahlen,‘‘ sagt sie. Dann zitiert sie ihre Kollegin Naomi Klein, die feststellte: ,,Es gibt keine reichen Länder mehr, nur noch reiche Menschen.‘‘ Die aber gehören nicht zu den 99 %, wie sich viele der Demonstranten nennen. Sie gehören zu dem 1 % wie etwa der US-Milliardär Warren Buffet, der US-Präsident Obama schon darum bat: ,,Tax me‘‘ - besteuer mich.

,,Greed is good‘‘ - Die Gier ist gut, sagte Gordon Gekko im Film ,,Wall Street‘‘ 1987. Es scheint, als wolle die neue ,,Occupy-Bewegung‘‘ nun mit der gierigen Epoche der letzten Jahrzehnte abrechnen, die uns in die Schuldenkrise führte.

Die neue Protestbewegung ist schillernd, diffus und vielschichtig. In Den Haag beispielsweise demonstrieren auch die Papuas aus West-Neu-Guinea mit. Sie fordern die Unabhängigkeit und die Freiheit für ihr Land West Papua, das bis 1962 niederländische Kolonie war und dann von der indonesischen Armee besetzt und annektiert wurde.

occupy-west-papua-15-10-2011

                              Free West Papua - fordert Joffrey


Der Papua Joffrey hält die ,,Morgenstern-Flagge‘‘ seines Landes hoch. Er trägt den klassischen Federschmuck eines Stammesfürsten von West Papua auf dem Kopf. Wie der arbeitslose Architekt demonstriert er stumm und friedlich für die Rechte seines Volkes, das nach Ansicht von Joffrey von Indonesien seit 1962 widerrechtlich besetzt und unterdrückt wird. Joffrey will Freiheit für West-Papua. Der Architekt will endlich einen Job. Beide sind typische Vertreter der Occupy-Bewegung.

16.10.2011

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag

 

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 21. Oktober 2011 um 12:11 Uhr  
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