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UN-Jugoslawien-Tribunal. Das Portrait: Wolfgang Schomburg

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Das Portrait: Wolfgang Schomburg
 
Eine gelungene ,,Mission imposible‘‘ und ein
,,Ein Abschied in Wehmut‘‘ aber mit einer großen und überraschenden Ehrung
 
Von HELMUT HETZEL
 
Den Haag.   Wolfgang Schomburg  staunt nicht schlecht.  Der scheidende deutsche Richter am Haager UN-Tribunal  zur Ahndung von Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien war zu einem Abschiedsessen vom Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Thomas Läufer, in die Botschafter-Residenz eingeladen worden, als der Gastgeber plötzlich mit einer Überraschung aufwartete: ,,Herr Schomburg, ich habe die Ehre, ihnen namens des Bundespräsidenten Horst Köhler das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichen zu dürfen. Die Urkunde wurde eben unterschrieben. Die Tinte ist fast noch frisch.‘‘
 
Damit hatte Richter Schomburg nun wirklich nicht gerechnet. Die Überraschung war groß. Sie ist gelungen. ,,Das bewegt mich sehr. Das kommt völlig unerwartet für mich und erfüllt mich mit großem Stolz,‘‘ antwortete der Mann, der seit sieben Jahren als erster und bisher einziger deutscher Richter am UN-Tribunal tätig war.
 
 
Wolfgang Schomburg war vom November 2001 Richter am Internationalen UN-Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien.  Von Oktober 2003 bis November 2008 war er Richter in der gemeinsamen Berufungskammer des Jugoslawien- und des Ruandatribunals. Er war der erste deutsche Richter an einem internationalen Tribunal nach Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Nürnberger Tribunal der Siegermächte, das die Nazi-Größen gerichtet hat. ,,Meine Berufung damals war alles andere als ein Selbstverständlichkeit, erinnert sich Schomburg. Unter vorgehaltener Hand wurde mir damals im Außenministerium auch gesagt: ,,Wenn Sie sich bewerben müssen Sie wissen, eigentlich ist das eine ,,Mission impossible. Und dann bin ich von der UNO doch gewählt worden.‘‘
 
Der 60jährige Wolfgang Schomburg, der aus Gesundheitsgründen sein hohes internationales Amt in Den Haag vorzeitig niederlegen musste, gilt als ein führender deutscher Praktiker der internationalen Strafrechtspflege. Vor
seiner Tätigkeit am Jugoslawientribunal  der UNO war er  Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, Rechtsanwalt in internationalen Strafsachen, Justizstaatssekretär in Berlin und Leitender Staatsanwalt in Berlin (West). Er ist in Berlin Spandau am 9. April 1948 geboren.
 
Der zweifache Vater hat sich auf vielfältige Weise nachdrücklich für die Entwicklung der internationalen Strafrechtspflege eingesetzt. Beim Haager Jugoslawientribunal stand er für die Zusammenführung der angloamerikanischen und kontinentaleuropäischen Rechtssysteme. ,,Er versuchte immer, das Beste aus beiden Systemen zu integrieren und die Gegensätze, die beiden Rechtssystemen inhärent sind, zu überbrücken,‘‘ hört man aus Kreisen des Tribunals.
 
Ferner war er maßgeblich an der Errichtung der juristischen Koordinationsbehörde Eurojust beteiligt, die für den Austausch zwischen den Staatsanwaltschaften der Mitgliedstaaten und zur transnationalen Strafverfolgung zuständig ist. Schomburg ist
Mitherausgeber/Verfasser des führenden Kommentars über:  "Internationale Rechtshilfe in Strafsachen."
Dieses juristische Standardwerk  mit Ausführungen zum Gesetz über die internationale Rechtshilfe in Strafsachen sowie der wichtigsten Rechtshilfeinstrumente ist ein Leitfaden für den gesamten deutschsprachigen Raum, also auch für Österreich und die Schweiz, behaupten Experten.
 
Wolfgang Schomburg scheidet ,,mit Wehmut‘‘ aus dem Amt, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung gesteht. Es war eine sehr interessante Zeit am UN-Tribunal. Aber ich habe mich wohl etwas übernommen und meinem Körper zu viel zugemutet,‘‘ sagt er selbstkritisch. Angesprochen auf die brennendste Frage, ob denn bald mit einer Verhaftung des noch immer flüchtigen mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic zu rechnen sei, gibt sich der Top-Jurist ganz diplomatisch: ,,Ich kann nicht in die Zukunft blicken, aber ich hoffe es. Aber das Tribunal hat jetzt schon Großes geleistet und seinen UN-Auftrag so gut wie erfüllt.‘‘ 
Rückblickend auf seine siebenjährige Tätigkeit am Haager UN-Sondergericht stellt Schomburg auch fest, dass es ,,viele  bewegende Momente‘‘ gab, etwa bei den zahlreichen Zeugenverhören ,,in denen wir die Gräuel der Balkankriege im Detail geschildert bekamen. Nicht nur in Sachen Jugoslawien, aber auch in Sachen Ruanda, für das wir auch zuständig sind.‘‘ Er bedauert, dass die Verfahren über Ruanda, ,,wo etwa eine Million Menschen ermordet worden sind,‘‘  gegenüber den Jugoslawienprozessen ,,etwas im Hintergrund stehen und von der Öffentlichkeit zu wenig beachtet werden. Das sollte sich ändern.‘‘ Noch einen Wunsch hat der scheidende erste deutsche Richter des UN-Tribunals: ,,Die Studenten und Praktikanten als aller Welt, die zu uns kommen, um bei uns zu lernen, wie das internationale Völkerrecht funktioniert, und die uns unentgeltlich helfen, sie brauchen mehr Unterstützung. Eine kanadische Studentin beispielsweise erzählte mir, dass sie einen Kredit über 25.000 Dollar aufnehmen musste, nur um ihr Praktikum bei uns am Tribunal in Den Haag überhaupt absolvieren zu können. Hier besteht dringend Handlungsbedarf. Ich wünsche mir zum Abschied, dass diese jungen Menschen besser als bisher unterstützt werden, sonst können es sich bald nur noch Studenten aus gutbetuchten Familien leisten, ein Praktikum am Tribunal zu absolvieren.‘‘
 
Zum  1. Dezember 2008 scheidet Walter Schomburg aus Gesundheitsgründen offiziell aus dem Richteramt des UN-Tribunal aus. Er kehrt zurück in seine Heimat- und Geburtsstadt Berlin. Dort will er sich jetzt erst einmal von einem Arzt ,,richtig durchchecken  und es etwas ruhiger angehen lassen.‘‘
 
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 10. Februar 2009 um 01:03 Uhr  
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