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Interview mit Victoire Ingabire Umuhoza, Oppositionsführerin der ruandischen Forces Democratiques Unifiees, kurz FDU

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Victoire Ingabire Umuhoza,,Leider ist meine Heimat noch immer ein Paradies für Kriegsverbrecher‘‘

Mit Frau Victoire Ingabire Umuhoza sprach in Den Haag  Benelux-Korrespondent HELMUT HETZEL
 
Den Haag. Sie wohnt in einem schlichten Einfamilienhaus in Zevenhuizen nicht weit von Den Haag. Es ist gleichzeitig so etwas für die auswärtige Parteizentrale der FDU. Von hier aus zieht Frau Ingabire Umuhoza die Fäden. Von hier aus will sie im kommenden Jahr, wenn in ihrer Heimat gewählt wird, den Wahlkampf vorbereiten und noch in der zweiten Hälfte von 2009 nach Ruanda zurückkehren. Die charmante 40jährige Ruandesin hat nämlich gute Chancen, die nächste Präsidentin Ruandas zu werden.
 
F: Frau Ingabire Umuhoza, Sie sind Spitzenkandidatin der FDU bei den Wahlen in Ruanda im August 2010. Sind Sie sicher, dass diese Wahlen auch tatsächlich stattfinden?
 
A: Ich hoffe es. Aber man weiß nie, ob sich der amtierende Präsident Paul Kagame nicht in letzter Minute doch noch anders entscheidet. Ich gehe, davon aus, dass die Wahlen, wie angekündigt stattfinden und bereite mich mit meiner Partei darauf vor.
 
F: Gibt es schon ein konkretes Datum für den Urnengang?
 
A: Nein, noch nicht. Die Wahlen sollen im August 2010 stattfinden. Mehr ist momentan nicht bekannt.
 
F: Sie waren im vergangenen Jahr noch kurz vor der Vereidigung des neuen US-Präsidenten Barack Obama in den USA. Obama hat sie empfangen. Wie war ihre Begegnung mit ihm? Unterstützt er Sie?
 
A: Barack Obama ist ein wunderbarer Mann und ein charismatischer Politiker, intelligent, höflich, charmant. Und er hat eine besondere Gabe: Er kann zuhören. Er hat sich für unsere Situation in Ruanda wirklich interessiert, schließlich hat ja auch er afrikanische Wurzeln. Er will die Wahlen in Ruanda unterstützen und fördern, hat er mir gesagt.
 
F: Damit haben Sie de facto die USA an ihrer Seite. Welche Länder in Europa unterstützen Sie?
 
A: Die USA ist ein zuverlässiger Partner von Ruanda und nicht von mir als Person. Außer von den USA erhalten die wir politische Unterstützung vor allem in Großbritannien, in den Niederlanden und in Belgien.
 
F: Nicht aus Deutschland oder Frankreich oder anderen EU-Ländern?
 
A: Nein, leider noch nicht. Aber das kann sich ja noch ändern. Wir suchen Unterstützung in der EU und gerade auch in Deutschland.
 
F: Der Bürgerkrieg in Ihrer Heimat zwischen Hutus und Tutsis, der 1994 begann als Sie in den Niederlanden politisches Asyl anfragten, kostete schätzungsweise bis zu einer Million Menschen das Leben. Wie ist das Verhältnis zwischen Hutus und Tutsis heute? Gibt es eine Aussöhnung?
 
A: Ich besuchte ein Familienmitglied als der Genozid stattfand. Krieg hatte schon vier Jahre vorher angefangen. Ich musste mich danach um Asyl bemühen, weil die neue Regierung keine Opposition zugelassen hat. Der Genozid von 1994 ist unvergessen. Es gibt noch viele offene Wunden. Das Verhältnis ist immer noch gespannt. Die Versöhnung ist noch nicht gelungen. Der Friede noch fragil. Es muss noch viel geschehen, bevor wieder wirklicher Friede zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen herrscht.
 
F: Hat das Arusha-Tribunal  der UNO zur Ahndung der Kriegsverbrechen im Bürgerkrieg in ihrem Land bisher einen Beitrag zur Aussöhnung leisten können?
 
A: Dieser Beitrag ist bisher sehr beschränkt. Viele Verfahren laufen noch. Es ist noch zu früh, um die Arbeit des Ruanda-Tribunals abschließend beurteilen zu können. 
F: Was muss geschehen, um die Versöhnung zwischen Hutus und Tutsis voranzubringen? Was wollen Sie tun, wenn sie im kommenden Jahr zur Präsidentin von Ruanda gewählt werden sollten?
 
A: Wir werden einen nationalen Dialog organisieren, so wie das in Südafrika nach dem Fall der Apartheid auch geschehen ist. Wir werden eine Wahrheitskommission einrichten, die noch bestehende Missstände aufdecken soll. Wir werden die Versöhnung fördern. Denn es werden beispielsweise noch immer Hutus für ihre Taten während des Bürgerkrieges damals strenger verfolgt als Tutsis. Das muss aufhören. Leider verweigert sich der Chefankläger des Arusha-Tribunals Verbrecher, die heute an Macht sind anzuklagen. Es kann nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.
 
F: Welche weiteren Pläne haben Sie, falls Sie zur Präsidentin gewählt werden sollten?
 
A: Natürlich die Bekämpfung der Armut ist unsere der ersten Prioritäten. Ruanda ist ein kleines aber ein reiches Land. Wir haben auch viele Bodenschätze und vor allem ein großes Entwicklungspotenzial. Es gibt in Ruanda derzeit nur zwei Regionen, die wirklich prosperieren, das ist der Norden und der Osten. Das sind reiche Provinzen. Dabei kann es aber nicht bleiben. Auch der Rest des Landes muss entwickelt werden. Es kann auch nicht so sein, dass nur eine kleine Elite exklusiv Zugang zu unserem Reichtum hat. Wir müssen eine Demokratie und eine funktionierende Wirtschaft und Gesundheitssystem aufbauen. Das ist die wahre Herausforderung.
 
F: Soll es eine Demokratie nach westlichem Muster sein?
 
A: Ja, das ist unser Bestreben.
 
F: Es gibt noch das Problem mit dem Nachbarland Kongo, wo Bürgerkrieg herrscht bei dem es auch um die Kontrolle der dort reichlich vorhandenen Bodenschätze geht. Auch Ruanda und das ruandische Militär soll im Kongo in diesen Verteilungskampf involviert sein. Was gedenken Sie in dieser Hinsicht zu tun?
 
A: Wir wollen Frieden in unserem eigenen Land und Frieden mit dem Kongo. Nur dann kann Ruanda prosperieren. Wir werden sofort unser Militär aus dem Kongo abziehen.
 
F: Der kongolesische Rebellenführer Nkunda ist gerade in ihrer Heimat Ruanda verhaftet worden. Wie beurteilen Sie das?
 
A: Nkunda ist ein Kriegsverbrecher. Er sollte sofort nach den Haag an den  Internationalen Strafgerichtshof ausgeliefert werden. Es ist nicht akzeptabel, dass sein Leutnant  Ntaganda  noch immer Befehlshaber in der kongolesischen  Armee ist, obwohl ein Haftbefehl des Haagener Strafgerichtshofes gegen ihn vorliegt.
Leider ist meine Heimat noch immer ein Paradies für Kriegsverbrecher. Das werden wir verändern.
 
F: Vielen Dank für das Gespräch.
 
  
 
/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 08. Februar 2009 um 10:16 Uhr  
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