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UN-Tribunal: Karadzic-Prozess verschiebt sich erneut. Serbischer Ex-General Pavle Strugar frei gelassen

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radovan-karadzic1Von HELMUT HETZEL

Den Haag. Der Prozess gegen den mutmaßlichen serbisch-bosnischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic verzögert sich erneut. Obwohl der 63jährige Karadzic nach seiner Verhaftung im Juli 2008 nun bereits mehr als ein halbes Jahr im Hochsicherheitstrakt des Scheveninger UN-Gefängnisses einsitzt, musste der Prozessbeginn nun erneut und zwar zum dritten Mal verschoben werden, weil die Richter des Haager UN-Tribunals Mängel in der neuen Anklageschrift gegen Karadzic gefunden hatten. Dabei ging es um die Beweislage für den Mord an 140 Gefangenen in einem Internierungslager bei Susica in Ostbosnien, das während des Bosnien-Krieges (1992-1995) unter der Aufsicht serbisch-bosnischer Truppen stand und die angeblich fälschlicherweise Karadzic angelastet werden.

Radovoan Karadzic, der ehemalige Präsident der selbsternannten RepublikImagea Srpska in Bosnien wird in der Anklageschrift des UN-Tribunals zur Ahndung von Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien beschuldigt, für Kriegsverbrechen und für Völkermord sowie für so genannte ,,ethnische Säuberungen‘‘ verantwortlich zu sein. Der Völkermord-Vorwurf bezieht sich auf das Massaker von Srebrenica wo im Juli 1995 nach Angaben des Tribunals rund 8000 muslimische Männer von bosnisch-serbischen Truppen ermordet wurden. Karadzic, der damals Präsident der Republik Serbien in Bosnien (Republika Srpska) war, soll einer der Befehlsgeber des Massakers von Srebrenica gewesen sein.

Im vergangenen Jahr war die erste noch aus dem Jahr 2000 stammende Anklageschrift gegen Radovan Karadzic aktualisiert und konkretisiert worden. Die Anklage wurde gestrafft und von bisher 41 auf jetzt 27 Anklagepunkte wegen Kriegsverbrechen reduziert. Damit soll eine effektivere Durchführung des Prozesses möglich gemacht werden.

Ein zweiter Völkermordvorwurf wird gegen Karadzic wegen der Belagerung und Beschießung von Sarajevo erhoben, die schätzungsweise 10.000 Menschen das Leben kostete.

Die Anklageschrift musste aber erst in Serbische übersetzt werden, was viel Zeit beanspruchte. Denn Karadzic, der sich selbst verteidigt, bestand darauf, dass er die Anklageschrift nicht in Englisch, sondern in seiner Muttersprache lesen können müsse. Der vorsitzende Richter, der Ire Ian Bonomy stimmte dem zähneknirschend zu, wohl wissend, dass Karadzic keine Möglichkeit auslässt, um den Prozessbeginn immer weiter hinaus zu zögern. Denn der gelernte Psychiater spielt auf Zeit. Er weiß, dass das Mandat des Haager UN-Sondergerichts nicht unbeschränkt ist. Offiziell sollte es schon im Jahr 2010 auslaufen, doch wegen des Karadzic-Verfahrens ist dieser Termin nun nicht mehr einhaltbar.

Der belgische Chefankläger Serge Brammertz sagte im Dezember 2008 in einem Gespräch mit unserer Zeitung, dass er mit einem Prozessbeginn gegen Karadzic ,,Anfang 2009‘‘ rechne. Doch nun sind bereits die ersten beiden Monate des neuen Jahres fast verstrichen und ein Termin für den Prozessauftakt steht noch immer nicht definitiv fest.

Dem gelernten Psychiater Karadzic war es 13 Jahre lang bis zu seiner Verhaftung im vergangenen Jahr gelungen, unentdeckt unter falscher Identität in Belgrad zu leben und sich als esoterischer Wunderheiler alias Dr. Dabic zu betätigen. Er trat sogar im Fernsehen in dieser perfekt getarnten Rolle auf. Nachdem Karadzic nun gefasst wurde, wird noch nach einem weiteren mutmaßlichen Kriegsverbrecher gesucht. Es ist der ehemalige Kommandeur der bosnisch-serbischen Truppen, Ex-General Ratko Mladic. Er ist noch immer auf der Flucht und ist unter anderem auch wegen des Massakers in Srebrenica wegen Kriegsverbrechen, Massen- und Völkermord angeklagt.

Ein anderer General, nämlich der Serbe Pavle Strugar, wurde am vergangenen Freitag vom Haager UN-Sondergericht aus Gesundheitsgründen vorzeitig aus der Haft entlassen. Der 75jährige Strugar wurde im Jahr 2005 zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er für schuldig befunden worden war, die Beschießung der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik befohlen zu haben. Die serbischen Raketenangriffe auf die als UN-Weltkulturerbe eingestufte Stadt Dubrovnik lösten seinerzeit weltweite Empörung aus. Mit Anrechnung der Untersuchungshaft hat Strugar, der ernsthaft krank sein soll, dafür insgesamt fünf Jahre in Haft gesessen. In einem Berufungsverfahren war seine Strafe von zunächst acht Jahren auf siebeneinhalb Jahre reduziert worden, was wohl auch zu seiner frühzeitigen Entlassung jetzt beitrug. ,,Er hat zwei Drittel seiner Strafe abgesessen,‘‘ teilte das UN-Tribunal mit.

/ Textende / Copyright © by HELMUT HETZEL / Den Haag /


Zuletzt aktualisiert am Montag, 23. Februar 2009 um 01:12 Uhr  
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